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Der Edith-Stein-Preis 2009 wurde an Schwester
Karoline Mayer verliehen .
Der Göttinger Edith-Stein-Kreis würdigt mit dem Edith-Stein-Preis
2009 das Lebenswerk von
Sr. Karoline Mayer (Santiago/Chile),
die sich seit über 40 Jahren zunächst in Chile, später auch in
Bolivien und Peru solidarisch der Ärmsten der Armen annimmt.
Inspiriert durch die Theologie der Befreiung hat Sr.
Karoline in ihrem Leben nationale, kulturelle und gesellschaftliche
Grenzen überschritten und lebt als Christin und Gründerin der
Schwesterngemeinschaft ‚Comunidad de Jesús’ sowie als Seelsorgerin
einer Basisgemeinde überzeugend die frohe Botschaft des Evangeliums im
Dienst an den Armen.
Während der Zeit der Militärherrschaft Pinochets in
Chile blieb sie als Ordensfrau an der Seite der Armen, kämpfte für die
Menschenrechte und nahm teil am passiven Widerstand gegen die Diktatur.
Im Dienst für die Grundrechte der Armen und die
Anerkennung ihrer Würde führt Sr. Karoline Menschen in ökumenischer
Geschwisterlichkeit zusammen. Ausgehend von den konkreten Bedürfnissen
der Armen und in der Zusammenarbeit mit ihnen schuf sie mit der Gründung
der Fundación Cristo Vive Grundlagen für ein Leben in Gerechtigkeit und
Solidarität.
20. Mai 2009
für den Vorstand des Göttinger Edith-Stein-Kreises e.V.
Heiner J. Willen, Vors.
Zu Texten und Fotos der Preisverleihung
am 15.11.2009.
Begrüßung durch Herrn Heiner J. Willen
Vorsitzender des Edith-Stein-Kreises Göttingen
Grußworte von
Dr. Katharina Seifert, Freiburg,
Präsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland e. V.
Grußworte von Wilhelm Gerhardy,
Bürgermeister der Stadt Göttingen
Laudatio von Prof. Dr. Annette
Schavan, Berlin
Bundesministerin für Bildung und Forschung
Die Urkunde
(317kB als PDF) *)
weitere Fotos der
Preisverleihung
Dankesworte von Schwester Karoline
Einladung zur Begegnung
Pressebericht
(kpg)
Radiobericht
anhören ca. 3 Minuten
Das Gespräch führte Bastian Brandau vom Stadtradio Göttingen.
Dank für die Überlassung des Beitrages.
Mit Programm, z. B. Windows Media Player anhören
und evtl. Lautstärke anpassen.
Radiointerview
anhören ca. 5 Minuten
Das Gespräch führte Bastian Brandau vom Stadtradio Göttingen.
Dank für die Überlassung des Beitrages.
Mit Programm, z. B. Quicktime Player oder Windows Media Player anhören
und evtl. Lautstärke anpassen.
Lebenlauf
von Sr. Karoline Mayer
Informationen über das Wirken von Sr. Karoline
http://www.cristovive.de/
dirket zu vielen Fotos der Preisverleihung:
http://www.cristovive.de/Edith-Stein-Preis/index.htm
Was
sind PDF-Dateien?
Eröffnung
und Begrüßung
Eröffnung und Begrüßung
durch Herrn Heiner J. Willen,
Vorsitzender des Edith-Stein-Kreises Göttingen
Einen guten Abend und
Ihnen
allen ein herzliches Willkommen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
zur 8. Verleihung des Edith-Stein-Preises. |
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Vor einer Woche wurde ein
in Santiago / Chile geborener deutscher Jesuit bei uns in Göttingen zum
Priester geweiht. Heute wird der Edith-Stein-Preis an eine deutsche
Schwester verliehen, die in Santiago lebt und seit 2001 auch chilenische
Staatsbürgerin ist. Der 31-jährige Jesuit, der als Kleinkind in den
Straßen von Santiago ausgesetzt und später von deutschen Eltern
adoptiert wurde, hat auf seinem Primizandenken drei Bilder – eines zeigt
Edith Stein. Die Schwester, die ein Jahr nach Edith Steins Tod geboren
wurde, sagt, als sie erfährt, dass ihr dieser Preis verliehen werden
soll: sie habe schon lange eine besondere Beziehung zu dieser Heiligen.
Was ist das mit Edith
Stein, dass sie noch 67 Jahre nach ihrem Tod in der Gaskammer von
Auschwitz Menschen ansprechen kann? Es sind zweifellos ihre spirituellen
und theologischen Texte, die Menschen faszinieren. Es ist aber auch ihr
Leben und ihr Kämpfen, das eindrücklich zu sein scheint.
In einer jüdischen Familie
in Breslau geboren, verliert sie mit zwei Jahren den Vater. Als
Pubertierende tauscht sie ihren „Kinderglauben“ gegen „radikalen
Unglauben“. Im Studium in Breslau wird sie Mitglied des Vereins für
Frauenstimmrecht. Die Themen Frauenemanzipation und Mädchen- und
Frauenbildung werden sie ihr Leben lang begleiten. Als Edith Stein
durchsetzt, dass sie mit 21 Jahren 1913 nach Göttingen kommen kann, will
sie im Schwerpunkt Philosophie – Phänomenologie - studieren. Sie will
Wahrheit finden! Mit ihren Freundinnen und Freunden aus der Göttinger
Philosophischen Gesellschaft bleibt sie bis zu ihrem Tod verbunden, Edith
Stein will es ihr Leben lang wissen – sie kniet sich in die Arbeit.
Über Jahre hinweg studiert, diskutiert, kämpft sie – bis ihr Weg zur
Wahrheit sie zur Taufe und dann in den Karmel führt. Sie ist eine starke
Frau!
Kurz bevor sie 1933 als
Novizin in den Karmel eintritt, schreibt sie einer Freundin: „Aber den
Abschied darf ich mir gar nicht ausmalen... Wenn auch meine Mutter jetzt
der Überzeugung ist, dass sie mich lieber in Südamerika an einer Schule
wüsste als hier im Kloster, so glaube ich doch, dass das später
wesentlich anders aussehen wird.“ In der Tat: Edith Stein hatte ein
Angebot erhalten, an eine Schule in Südamerika zu gehen. Aber ihre
Entscheidung für den Kölner Karmel war bereits gefallen. Sie geht ihren
Weg, auch wenn engste Familienmitglieder nicht einverstanden sind: ihre
Mutter etwa hat sich nie mit dem Kloster versöhnt.
In Göttingen hat der Weg
dieser bis heute beeindruckenden Frau in den Jahren 1913 bis 21 ganz
wichtige Impulse bekommen. Und der Göttinger Edith-Stein-Kreis hat es
sich zur Aufgabe gemacht, an das Leben und Werk dieser außergewöhnlichen
Frau und Alumna der Georg August Universität zu erinnern. Der – seit
1995 - alle zwei Jahre vergebene Edith-Stein-Preis ist dabei für uns
besonders bedeutsam geworden. Und für Sie offensichtlich auch, die Sie so
zahlreich gekommen sind.
Ich kann Sie leider nicht
alle persönlich begrüssen, was ich gerne tun würde. So werde ich mich
beschränken.
Mein besonderer Gruß gilt
natürlich Sr. Karoline Mayer, der heute Abend der Edith-Stein-Preis
verliehen wird. Ich freue mich sehr, Karoline!
Ich grüsse herzlich ihre
Laudatorin Prof. Dr. Annette Schavan. Ganz herzlichen Dank, dass Sie aus
Berlin zu uns gekommen sind. Wir werten es als Auszeichnung für unsere
Preisträgerin.
Grüssen möchte ich auch
Joop Bergsma, Edith-Stein-Preisträger `97 und bis heute in der Stadt
geschätzt, in der er von ´76 bis `86 Dechant war. Schön, dass Du heute
Abend hier bist, lieber Joop.
Gleichzeitig darf ich Ihnen
Grüsse von Prof. Eduard Lohse überbringen, den Preisträger von 1995. Er
hat zu seinem Bedauern eine dringende Verpflichtung in Hamburg.
Traurig sind auch die
Wülfinghäuser Schwestern, Preisträgerinnen des Jahres 2007. Sie hatten
sich riesig gefreut, mit uns diese Preisverleihung zu feiern – aber: die
Schweinegrippe hat den ganzen Konvent ins Bett geschickt, so dass das
Kloster komplett geschlossen werden musste.
Ich freue mich sehr, dass
Prälat Heinz Voges unter uns ist. Er hat als Dechant in Göttingen Anfang
der 90ger Jahre den Edith-Stein-Preis begründet. Ihm (Ihnen) und allen,
die uns bei der Vorbereitung und Durchführung der Preisverleihung
geholfen haben – im Kuratorium, durch Spenden, beim Planen, Gestalten
und beim Mit-Hand-Anlegen - sei ganz herzlich Dank gesagt!
Mit Ihnen allen, den
Göttingerinnen und Göttingern, den Menschen aus nah und fern, den
Mitgliedern und Unterstützern des Edith-Stein-Kreises und den Freundinnen
und Freunden von Sr. Karoline feiern wir heute Abend zwei Frauen, die für
Grenzüberschreitung und Solidarität, für den Kampf um die Rechte von
Frauen und die Suche nach Wahrheit, die für Bildung und Menschenwürde
stehen.
Heiner J. Willen 15.11.2009
Grußwort
der Präsidentin
der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland,
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Dr. Katharina Seifert,
anlässlich der Verleihung des Göttinger
Edith-Stein-Preises an
Sr. Karoline Mayer, Santiago (Chile)
am 15. November 2009 im Alten Rathaus Göttingen |

Foto: Karl Grüner
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Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schavan,
sehr geehrte Sr. Karoline,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Gerhardy,
sehr geehrter Herr Willen,
meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe
Festversammlung,
„Der Weg in die Freiheit“ – so lautete der Titel
einer Exerzitienreise, von der ich am letzten Sonntag aus der Wüste Sinai
und Israel zurückgekehrt bin. Durch die Betreuung der Beduinen – sie
stellten uns Kamele zum Tragen des Reisegepäcks aber auch der Menschen
zur Verfügung, sie versorgten uns mit Wasser und Nahrung – kam so etwas
wie eine Wüstenromantik auf. Die Sonne war nicht zu heiß. Der zunehmende
Mond überstrahlte selbst die Nacht. Die Landschaft zeigte sich uns
höchst abwechslungsreich, immer wieder überraschend. Murren kam nur auf,
weil die Zeit so schnell zu Ende gegangen war.
Das Volk Israel musste 40 Jahre ohne Beduinenservice
aushalten, aber wusste den „Ich bin da“ an seiner Seite. Die Freiheit
galt es zu erlangen durch große Zweifel und tiefste Verzagtheit hindurch.
In der Not wünschten sich die Israeliten zurück an die Fleischtöpfe
ihrer ägyptischen Unterdrücker. Sie haben sogar das Manna, die Gabe
Gottes, satt. Sie haben Gott satt! Wo bleibt das Vertrauen in den „Ich
bin da“?
Was gilt es wirklich auf dem Weg in die Freiheit zu
bestehen? Wohl zuerst sich selbst mit allen Ängsten und Zweifeln,
festgelegten Vorstellungen und festgelegten Ansichten: Fremdes Land,
fremde Landschaft, wildfremde Menschen, Muslime… Im deutschen Kontext
würden wir, zumindest innerlich, einen Schritt zurücktreten. In der
Fremde waren wir auf sie angewiesen, sicherten uns die Fremden unser
Leben, vertrauten wir uns Menschen einer fremden Religion an. Also
irgendwie doch ein Wagnis. Gleichsam ein Urvertrauen kam in uns auf. Und
ein Staunen darüber. Ein tiefes Glück über solche Erfahrung innerer
Freiheit.
Auf dem Kamelrücken wurde mir bewusst, dass ich
persönlich bereits einen Weg in die äußere Freiheit erleben
durfte mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der deutschen
Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Zwanzig Jahre ist das her. In
kirchlichen Kreisen wurden die 40 Jahre DDR-Zeit immer wieder mit den 40
Jahren Wüstenwanderung des Volkes Israel verglichen. Verse des Psalms 126
drängten sich unabgesprochen auf die Lippen:
"Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions
wendete,
da waren wir alle wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen
und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den Völkern:
’Großes hat der Herr an uns getan’.
Ja, Großes hat der Herr an uns getan.
Da waren wir fröhlich."
Tränen und Jubel – so war es als die Angst wich, die
lähmend über 40 Jahren gelegen hatte.
In der Bibel steht, dass der Psalm ein „Wallfahrtslied“
ist. Die Flüchtenden und die Demonstrierenden brachen gemeinsam die
Starre im Arbeit- und Bauernstaat auf der Straße auf.
Das Wallfahrtslied schließt mit dem Vers: „Sie
kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein.“ Somit ist es auch
ein Erntedanklied. So viele Früchte sind gewachsen. Wir dürfen, wir
müssen diese Lied Jahr für Jahr singen und die Zukunft auf diesem Grund
dankbar gestalten.
Als wir aus der Wüste nach Hause kamen, wurde in
Deutschland ein „Fest der Freiheit“ gefeiert. Viele europäische
Städte schlossen sich auf ihre Weise an.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofkonferenz,
Erzbischof Robert Zollitsch sagte anlässlich des diesjährigen
Michaelsempfangs – nicht zuletzt aus eigener Erfahrung:
„Freiheit und Demokratie sind niemals
selbstverständlich. Wer nie selbst die Erfahrung der Unfreiheit gemacht
hat, übersieht das leicht; denn mit der Freiheit ist es wie mit der Luft
zum Atmen: Man wird sich ihrer oft erst bewusst, wenn sie einem genommen
wird.“ 1)
Während der Wüstenwanderung wurde mir aber auch
deutlich, dass neben der äußeren Freiheit die innere Freiheit einen
mindestens ebenso großen Wert darstellt. Und, dass innere Freiheit
ermöglicht, äußere Unfreiheit zu bestehen. Dass innere Freiheit dazu
befähigt, Entscheidungen zu treffen, die andere Menschen unverständlich
finden müssen. Dass innere Freiheit Kräfte freisetzt, die überaus
staunenswert sind und die auf das verweisen, was wir tiefstes Vertrauen,
Glauben, Einsseins mit Gott nennen.
Edith Stein war eine Frau, die zu dieser vollkommenen
inneren Freiheit gefunden hat. „Secretum meum mihi“. „Das ist mein
Geheimnis“. Die Worte, dieses innere Vorgehen, diese innere Freiheit zu
beschreiben, sind ihr ausgegangen. Gott war nicht im Sturm, nicht im
Beben, nicht im Feuer. Gott war „eine Stimme verschwebenden Schweigens“,
wie Martin Buber das Erleben des Propheten und Karmelvaters Elija
formuliert und wie wir die Gotteserfahrung Edith Steins auch beschreiben
können.
Dieser Glaube, dieses Urvertrauen lässt sie 1942 -
innerlich ruhig, wie es Zeugen beschreiben - bis zum Äußersten in die
Ermordung in Auschwitz gehen. Die innere Freiheit der Gotteskindschaft
schenkt ihr unabhängig von äußeren Umständen Kraft, Würde, Vertrauen,
Nächstenliebe - bis zum Schluss. Sr. Teresia Benedicta a Cuce schreibt in
der Kreuzeswissenschaft: Es ist dem Menschen „sein Innerstes in die Hand
gegeben; er kann in vollkommener Freiheit darüber verfügen, aber er hat
auch die Pflicht, es als ein kostbares anvertrautes Gut zu bewahren.“ 2)
Im Tal der Gemeinden in Yad Vashem stand ich am
Allerheiligen-Tag und Vorabend von Allerseelen vor den unzähligen
Ortsnamen der zerstörten jüdischen Gemeinden in Deutschland und Europa:
Köln, Freiburg, Speyer, Breslau, Göttingen…
Ich war allein dort.
Vor dem Felsen, der auf Kiew verwies, traf ich auf eine
Gruppe Kanadier, die ihrer Opfer mit Liedern, Texten und Kränzen
gedachten und mit einer Rose und einer Kerze in der Hand. Als ich
hinzutrat, gab mir ein Mann seine Rose und seine Kerze und bedeutete mir,
sie an dem Ort, der für mich bedeutend ist, niederzulegen. Ich gedachte
besonders der Opfer der Dresdner Synagogengemeinde.
Die innere Freiheit führt zu „höchstem Widerspiel
von Geben und Sich-Nehmen-Lassen“. 3)
Heute wird eine Frau geehrt, deren Handeln selbstlos
ist, die bei äußerer Unfreiheit in Zeiten der chilenischen Diktatur ihre
innere Freiheit bewahrt und ihr Wirken und Leben den Armen widmet: Geben
und Sich-Nehmen-Lassen und den Menschen aus innerer Freiheit Würde und
Nächstenliebe schenken.
Sehr geehrte Sr. Karoline,
mit diesen Gedanken grüße ich Sie herzlich und
übermittle Ihnen im Namen der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland
Glück- und Segen. Möge Ihr Weg in die innere Freiheit von Gott geführt
sein zum Wohl der Menschen, die Ihnen anvertraut sind und zu Ihrem
persönlichen Wohl.
Dieser Olivenzweig aus einem Garten vom Ölberg in
Jerusalem möge ein Symbol dafür sein. Schalom!
------
1) Pressemitteilung der DBK, 29.09.09, 125a,
Verantwortung stärken – Freiheit sichern. Überlegungen am Beginn einer
neuen Legislaturperiode, Rede des Vorsitzenden der DBK, anlässlich des
St.-Michael-Jahresempfangs des Kommissariats der deutschen Bischöfe am
29. September 2009 in Berlin.
2) E. Stein,
Kreuzeswissenschaft, ESGA 18, 133f.
3) A. M. Neyer und H.-B. Gerl-Falkovitz,
Meister des Weges, Edith Stein, Freiburg 1994, 66.

Ein herzlicher Dank an Frau Dr. Seifert nach ihren Grußworten.
Foto: Karl Grüner
Grußwort
Wilhelm Gerhardy,
Bürgermeister der Stadt Göttingen
Edith-Stein-Preis 2009: Sonntag,
15. November 2009; 18:00 Uhr, Altes Rathaus.
Frau Bundesministerin Dr. Schavan,
Herr Vorsitzender Willen,
Herr Landrat Ströhlein,
Sehr verehrte Damen und Herren!
Ihnen allen ein herzliches Willkommen im Festsaal des Alten Rathauses zur
Verleihung des Edith-Stein-Preises 2009.
Mit besonderer Freude darf ich Sie – verehrte Schwester
Karoline Mayer - als diesjährige Preisträgerin in der Stadt Göttingen
begrüßen.
Die Namensgeberin des Preises, Edith Stein, ist in Göttingen
keine Unbekannte mehr:
ein Verdienst des Edith-Stein-Kreises, wofür ich mich ausdrücklich
bedanken möchte.
In Breslau 1891 in einer jüdischen Familie geboren,
konvertiert Edith Stein 1922 zum katholischen Glauben und wird in
Bergzabern getauft. Als Schwester Teresia Benedicta a Cruce tritt sie 1933
in Köln in den Karmeliterorden ein, siedelt 1938 um ins niederländische
Echt, um vor den Nationalsozialisten sicher zu sein. Trotzdem wird sie am
2. August 1942 verhaftet und am 9. August '42 in Auschwitz-Birkenau
ermordet, gerade 51 Jahre alt. Am 11. Oktober 1998 erfolgt die
Heiligsprechung, 1999 wird sie zur Patronin Europas ernannt. Nach Göttingen
zieht es die Philosophie-Studentin 1913, um bei Edmund Husserl –
Professor der Philosophie – Phänomenologie zu studieren. Sie lernt, wie
sie selbst sagt, „Dinge vorurteilsfrei ins Auge zu fassen“.
Nach dem Staatsexamen 1915 folgt Sie Husserl nach Freiburg
um 1916 mit „summa cum laude“ zu promovieren. Sie strebt eine
Habilitation an. Auch mit einer Empfehlung von Husserl lehnt die Göttinger
Philosophische Fakultät ab, ihre Arbeit auch nur anzusehen.
„Frauen seien nicht zugelassen“ – hieß es. Edith
Stein will es wissen: das preußische Kultusministerium bestätigt ihr,
dass Frauen grundsätzlich zu Habilitation und damit zu einer Professur
zugelassen zu seien. „Verspreche mir aber praktisch nichts davon“, so
Edith Stein wörtlich, „das war nur ein Nasenstüber für die Göttinger
Herren“- Sie ebnete damit aber anderen begabten Frauen den Weg.
Göttinger Stadtführungen zum Thema „Auf den Spuren
Edith Steins“ führen zu einer Vielzahl von Orten und Plätzen, mit
denen Edith Stein in Verbindung stand. Von der Gedenktafel, angebracht an
ihrer ersten Wohnung in der Langen Geismarstraße 2 bis hin zum
Edith-Stein-Haus der Katholischen Hochschulgemeinde am Stauffenbergring;
oder vielleicht auch die Konditorei Cron und Lanz, wo sie in fröhlicher
Runde das Bestehen des Staatsexamens feierte.
Der Preis – verehrte Schwester Karoline – der ihnen
heute überreicht wird, würdigt Persönlichkeiten, die sich durch Grenzüberschreitungen
in ihrem sozialen, politischen und gesellschaftlichen Engagement in
hervorragender Weise ausgezeichnet haben.
Es sind nicht wenige Grenzen, die Sie auf Ihrem mutigen,
selbstlosen und gefährlichen Weg überschritten haben: von der strengen römischen
Amtskirche zu einer Theologie der Befreiung, Austritt aus dem
Steyler-Missionsorden und Gründung der „Comunidad de Jesus“, vom
Wohlstand in die Elendsviertel von Chile, Peru und Bolivien, vom sicheren
Europa in das Chile der Militärherrschaft Pinochets.
Ein besonderes Zeichen von Mut und Gottvertrauen, was nur
ganz wenigen gelingt, ist der Kampf für die Menschenrechte und der
passive Widerstand gegen die Diktatur.
Eine soeben erschienene Dokumentation fasst es wunderbar
zusammen:
-
Schwester der Armen
-
Anwältin der Rechtlosen
-
Botschafterin der Liebe
Göttingen ist nicht gerade arm an Preisen und Preisträgern:
Vom Nobelpreis bis zum Göttinger Elch als Satire-Preis, von der
wissenschaftlichen Auszeichnung bis zum Literaturpreis, den die polnische
Stadt Thorn und die deutsche Stadt Göttingen gemeinsam vergeben.
Der Edith-Stein-Preis ist anders, - und er ist sehr
wichtig, weil er sich nicht an diejenigen wendet, die ohnehin weltweit
gefeiert und beachtet werden, so groß die Verdienste auch seien mögen.
Dieser Preis zeichnet Menschen aus, die durch ihr Tun
etwas verändern, die die Welt verändern, und die uns durch ihr Beispiel
mahnen, zu erkennen, wie viel jeder Einzelne in seiner Welt tun kann –
und es doch viel zu oft unterlässt.
Wir freuen uns, dass es diesen Preis gibt, dass es ihn in
Göttingen gibt und wir freuen uns ganz besonders, dass Sie – verehrte
Schwester Karoline – diesen Preis bekommen.
Im Namen der Stadt Göttingen gratuliere ich sehr
herzlich!
Foto: Karl Grüner
Laudatio
Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt Frau Prof. Dr. Annette Schavan,
Bundesministerin für Bildung und Forschung

Frau Ministerin A. Schavan bei ihrerer Laudatio
Foto: Karl Grüner

Rede
der Bundesministerin für Bildung und Forschung,
Prof. Dr. Annette Schavan, MdB,
anlässlich
der Verleihung des Edith Stein Preises
an Schwester Karoline Mayer
am 15. November 2009
in Göttingen
Es gilt das gesprochene Wort!
I.
„Unsere Menschenliebe ist das Maß
unserer Gottesliebe. Für die Christen – und nicht nur für sie – gibt
es keine fremden Menschen. Die Liebe Christi kennt keine Grenzen.” So
formuliert Edith Stein den Auftrag und Anspruch christlichen Lebens. „Unsere
Menschenliebe ist das Maß unserer Gottesliebe“ – dieser Satz findet
sich auch auf der Medaille, mit der heute Schwester Karoline Mayer
ausgezeichnet wird. „Die Liebe Christi kennt keine Grenzen“ – wir
ehren heute eine Frau, die immer wieder Grenzen überschritten hat und
deren Nächstenliebe keine Grenzen kennt.
Schwester Karoline Mayer ist aus Santiago
de Chile heute zu uns nach Göttingen gekommen. Wir zeichnen Sie aus mit
dem Göttinger Edith-Stein-Preis – für Ihr soziales, politisches und
gesellschaftliches Engagement, für Ihren Einsatz für die Menschen in
Chile, Bolivien und Peru.
Der unbedingte Wille, dem eigenen Weg zu
Gott zu folgen – auch gegen Widerstände – zeichnet beide Frauen aus.
Edith Stein geht ihren Weg zu Gott in der Stille des Karmels. Schwester
Karoline geht ihn in den Armenvierteln einer pulsierenden
lateinamerikanischen Metropole, Santiago de Chile. Sie geht ihn mit den
Ärmsten der Armen.
II.
Karoline Mayer kommt aus Bayern. Sie wird
zwei Jahre vor Kriegsende in Pietenfeld, nahe Eichstätt geboren.
Schwester Karoline, in ihrem Herzen sind sie Lateinamerikanerin. Man
spürt es in Ihrer Art der Begrüßung, Ihrem Temperament und der
Überzeugungsstärke Ihrer Gestik. Dieser Kontinent ist Ihr Zuhause. Die
Menschen in Chile sind Ihre Heimat.
Seitdem sie elf Jahre sind, wissen Sie,
dass Sie Missionarin werden wollen. Sie kämpfen um Ihren Weg in das
Kloster der Steyler Missionarinnen. Mit 21 Jahren treten Sie als Novizin
in den Steyler Missionsorden ein und erhalten den Ordensnamen Paulina.
1967 legen Sie die zeitlichen Gelübde ab.
Als Kind träumt Karoline Mayer von einem
Leben in China oder Indien. 1968 wird sie von ihrem Orden nach
Südamerika, nach Chile gesandt. Wenn schon Chile, dann will sie nicht in
Las Condes, dem eleganten Viertel der Wohlhabenden leben, sondern mit den
Armen. Sie will nicht Verkündigung an den katholischen Eliteschulen
Santiagos betreiben. Sie will Medizin studieren und Ärztin werden. Doch
der Orden ist dagegen. So macht sie ihren Abschluss als
Universitätskrankenschwester. Sie bleibt bei diesem Beruf, auch als sie
später selbst über ein Medizinstudium entscheiden kann, verzichtet sie.
Um der Menschen willen.
In den Semesterferien arbeitet Schwester
Karoline in einer illegal auf einem Müllhügel errichteten Siedlung am
Rande Santiagos. Die Menschen leben im Müll. Sie leben vom Müll. Dort
erfährt sie, dass Hilfe nur gemeinsam gelingen kann. Nur wenn wir die
Menschen als Partner ernst nehmen, erreichen wir eine echte und
nachhaltige Verbesserung ihrer Lebenssituation. Gemeinsam mit den Frauen
aus der Siedlung bettelt sie bei Supermärkten um Lebensmittel. Gemeinsam
eröffnen sie eine Volksküche. Gemeinsam mit Müttern und Vätern bauen
sie Kindertagesstätten auf.
Gemeinsam lesen sie in den Basisgemeinden
das Evangelium. Die nachkonziliare Aufbruchstimmung und die
Befreiungstheologie prägen sie dabei stark. In ihrem Buch „Das
Geheimnis ist immer die Liebe“ schreibt sie von ihren Erlebnissen der
gemeinsamen Bibellektüre mit den Menschen aus der Siedlung: „Ich hatte
gedacht, ich würde ausziehen, um die Armen zu bekehren. Und da saß ich
unter ihnen und musste erfahren, dass sie mir zeigten, was wahre
Jesusnachfolge ist. Wie es ist, sein Wort wirklich so aufzunehmen, dass es
das Herz anspricht und der Mensch frei wird. Da saß ich und wurde selbst
bekehrt“ (S. 47).
Chile befindet sich Ende der sechziger,
Anfang der siebziger Jahre im Aufbruch. Die Menschen träumen von Freiheit
und Gleichheit, von Gerechtigkeit und Solidarität. Die sozialen
Unterschiede sind enorm. In einer Stadt leben Menschen in vollkommen
verschiedenen Welten, die einen sorglos in Wohlstand und Gesundheit, die
anderen ohne Perspektive und Chancen in Elend und Armut. Die
Ungerechtigkeit ist himmelschreiend. Die Armut ein täglicher Skandal.
Ihr Leben im Kloster erscheint ihr als
Widerspruch zu der Wirklichkeit der Armen, als Widerspruch zu ihrer
eigenen Berufung. Gegen den Orden setzt Schwester Karoline ihren Willen
durch: Am 12. Oktober 1971 – dem Geburtstag Edith Steins – zieht sie
mit einer Mitschwester in das Armenviertel. Sie beschreibt diesen Tag als
den „glücklichsten Tag meines Lebens“.
Doch der Orden hat andere Pläne mit ihr.
1973 ruft er sie wegen der politischen Unruhen in Chile nach Deutschland
zurück. Schwester Paulina gehorcht. Aber sie verlängert nach ihrer
Rückkehr nach Deutschland ihre Gelübde nicht. Sie kehrt im gleichen Jahr
kurz vor Weihnachten auf eigene Faust zurück nach Chile, mitten hinein in
eine grausame Militärdiktatur, die siebzehn Jahre dauern sollte. Sie
zieht wieder zu den Armen und gründet dort die Schwesterngemeinschaft „Communidad
de Jesús“. Geteiltes Leben mit den Armen und Bedürftigen ist ihre
Berufung und ihr Weg.
Während der grausamen Diktatur Augusto
Pinochets wird Karoline Mayer 1976 verhaftet und verhört, obwohl sie nie
Mitglied einer Partei war. Dem chilenischen Geheimdienst galt sie als
gefährliche „Marxistin“, weil sie für soziale Gerechtigkeit kämpft
und während der Regierungszeit Salvador Allendes den Sozialisten nahe
stand. Doch sie verrät niemanden. Sie bleibt sich treu, und sie bleibt an
der Seite der Armen, kämpft für ihre Menschenrechte und nimmt teil am
passiven Widerstand gegen die Diktatur. Viele Menschen rettet sie vor dem
Gefängnis oder dem sicheren Tod. Sie versteckt Verfolgte, bringt sie
außer Landes. Sie widersteht der Angst und der Versuchung aufzugeben.
III.
Karoline Mayer begegnet in Chile
struktureller Ungerechtigkeit. Sie erlebt Armut als Ergebnis einer
segregierten, ungerechten Gesellschaft, als Ausdruck der Unterdrückung
ganzer Bevölkerungsschichten durch eine privilegierte Oberschicht. Sie
mischt sich ein und erhebt ihre Stimme für die Armen: für mehr Teilhabe,
bessere Gesundheitsversorgung, mehr Bildung, mehr Gerechtigkeit.
Mit einer Suppenküche fängt sie ihre
Arbeit an. Essen, sauberes Wasser, medizinische Grundversorgung, Bildung,
einen Platz in der Gesellschaft – all das für uns so
Selbstverständliche hat Karoline Mayer in Santiago für viele Menschen
aus den Armenvierteln mühsam erkämpft. Nicht Predigt, sondern Tat ist
ihre Losung.
Mit ihrer späteren Mitschwester Maruja
baut sie Kindertagesstätten auf. Elternarbeit beginnt. Väter sehen ein,
dass sie nicht die eigenen leidvollen Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit
weitergeben, sondern neu anfangen wollen.
Etwas Neues entsteht, das die Menschen
nachhaltig verändert und ihren Biographien eine Wendung gibt. 1975 schon
gibt es fünf Kindertagesstätten. Viele Menschen aus der Oberschicht,
auch Lehrer der Deutschen Schule kommen und helfen. Mit jeder dieser
Begegnungen zwischen Arm und Reich wird die tiefe Spaltung der
chilenischen Gesellschaft ein kleines Stück weit überwunden.
Aus den Anfängen, der Suppenküche und
den Basisgemeinden entsteht nach und nach ein großes Sozialwerk, aus dem
nach dem Ende der Pinochet-Diktatur 1990 die „Fundación Cristo Vive“
wird. Heute zieht sich ein von Schwester Karoline geknüpftes, starkes
Netz durch die Hauptstadt Chiles: eine Obdachlosensiedlung, das
Berufsbildungszentrum „Clotario Blest“ für 600 Jugendliche, das
Reha-Zentrum für junge Drogenabhängige „Talitakum“,
Frauenbildungswerkstätten, zwei große Kindertagesstätten für jeweils
300 Kinder, ein Zentrum für 30 behinderte Kinder und Jugendliche und als
Herzstück ein Gesundheitszentrum, in dem über 20.000 Patienten kostenlos
mit moderner Medizin behandelt werden.
Mit viel Solidarität auch aus Deutschland
ist hier etwas entstanden, das den Menschen Perspektiven gibt: mit Bildung
ihren Weg aus der Armut zu einem menschenwürdigen Leben zu gehen, aus
eigener Kraft und mit eigener Arbeit die Lebenssituation für sich selbst
und die eigene Familie zu verbessern, die Erfahrung zu machen, der Armut
nicht ausgeliefert zu sein, sondern durch eigene Entscheidung und
Anstrengung einen Weg zu einem anderen, besseren Leben zu finden. Die „Fundación
Cristo Vive“ hat eine einzige Option: die Option für die Armen. Sie
wirkt im besten Sinne nachhaltig, weil sie Menschen befähigt, die eigene
Biographie zu gestalten, ihr Leben in die Hand zu nehmen und den Weg aus
der Armut zu gehen.
Geistiger Mittelpunkt dieser Arbeit sind
die beiden kirchlichen Basisgemeinden Cristo Vive und Jesus Sol Naciente.
Für die Menschen dort gehört der „Dienst in der Kirche und der Dienst
an den Menschen“ (S. 159) untrennbar zusammen. Gebet und Suppenküche,
Bibellesen und soziales Engagement sind miteinander verbunden. Die
Verkündigung des Evangeliums ist genauso wichtig wie der Dienst an den
Menschen in Solidarität mit den Allerärmsten durch die
Kindertagesstätten, Polikliniken und Frauenwerkstätten.
Seit vierzig Jahren leben Sie in
Südamerika und haben das Leid unzähliger Menschen dort verwandelt. Die
Situation in Chile ist besser geworden. Das Land ist auf einem guten Weg
der Entwicklung. Wichtige Sozialreformen haben die Lebenssituation auch
der armen Bevölkerung verbessert.
„Cristo Vive“ gibt es inzwischen auch
in Bolivien, einem der ärmsten Länder Südamerikas, in dem 70% der
Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben. In Bolivien begann das
Sozialwerk mit einem Gesundheitsprojekt für die Bewohner unzugänglicher
Bergdörfer, einem Alphabetisierungsprogramm für Erwachsene, einem
Internat für indigene Kinder und einem Betreuungsprogamm für
Untersuchungs- und Strafgefangene und deren Familien.
Die Arbeit der „Fundación Cristo Vive“
ist nachhaltig: Das Ausbildungszentrum in Santiago, das der deutschen
Berufsschule folgt und einzigartig in Chile ist, wird zu zwei Dritteln vom
chilenischen Staat getragen. Im „Prisma de los Andes“, einem
Ausbildungszentrum für unabhängige Frauenwerkstätten, lernen junge
Frauen innerhalb von drei Jahren ein Kunsthandwerk. In vierzehn
Werkstätten können sie anschließend tätig sein, ihre Produkte werden
in „Eine-Welt-Läden“ in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz
verkauft, wo das Bewusstsein für den fairen Handel immer stärker wird.
Entscheidend ist, was diese Arbeit mit den
Frauen macht, Karoline Mayer beschreibt es so: „Neben all dem Leid, das
sie zu tragen hatten, waren sie auf einmal fähig, etwas anderes
wahrzunehmen und sich daran zu freuen. Mit den Handarbeiten ist keine von
ihnen reich geworden, natürlich nicht. Und doch ist dadurch in ihnen
etwas gewachsen, was mit Geld nicht zu bezahlen ist.“ (S. 127).
Unser gemeinsames Ziel muss sein, diese
Arbeit auch nach den Bedingungen eines internationalen Marktes so zu
gestalten, dass sie angemessene Wertschätzung erfährt. Unter sozialen
Bedingungen hergestellte Produkte haben einen anderen Preis. Sie sind
diesen Preis wert. Auch diese Arbeit sollte aus sich selbst heraus
Existenz sichern und ermöglichen. Gelebte Solidarität in der Einen Welt
ist wichtig. Sie gehört wesentlich zu unserem Verständnis von
Weltkirche. Und zugleich gilt: Soziale und human gestaltete Arbeit in
Entwicklungsländern wirtschaftlich erfolgreich zu machen und fair zu
behandeln, auch das kann ein wirksamer Weg sein, Armut zu bekämpfen.
IV.
Das Programm von Schwester Karoline findet
sich im Lukasevangelium: „den Armen die frohe Botschaft, den Gefangenen
Befreiung und den Blinden das Augenlicht zu verkünden und die Gequälten
in die Freiheit zu entlassen“ (Lk 4,18). So wirken Sie! In über vierzig
Jahren ist es Ihnen gelungen, Tausenden von Menschen in den Armenvierteln
Santiagos, Brot, Kleidung, Arbeit, eine menschenwürdige Wohnung, Schutz
vor Verfolgung, ärztliche Hilfe, eine Berufsausbildung zu geben. Das sind
Menschen, die nur auf der Schattenseite gelebt haben, die im täglichen
Überlebenskampf der Straße stehen, die mit Diebstahl, Gewalt und
Alkoholismus aufgewachsen sind. Sie geben den Menschen Hoffnung für die
Zukunft. Sie haben ihnen vorgelebt, dass wir nicht aufgeben dürfen zu
hoffen auf die Nähe Gottes.
Ihre Berufung ist es, zu den Menschen zu
gehen, zu den Ärmsten der Armen, zu jenen, die keine Chance, keine
Perspektive, keine Zukunft und teilweise eine furchtbare Vergangenheit in
Leid und Gewalt haben. So versteht Schwester Karoline Nachfolge. Und sie
lässt sich von dieser Berufung nicht abbringen. Nicht von ihrer Familie.
Nicht von ihrem Orden. Nicht von der Politik, dem Militär und den
Mächtigen der Gesellschaft.
Christliches Leben ist christliche
Nächstenliebe. Dieser Anspruch ist radikal. Und ebenso radikal ist das
Leben von Schwester Karoline. Es ist konsequent gelebter Glaube. Sie wirkt
in diese Welt hinein – so wie Jesus Christus es vorgelebt hat und den
Menschen aufgetragen hat. Als Jesus in Nazareth seine Antrittspredigt
hält, sagt er: „Ich bin gekommen zu verkünden das Evangelium den
Armen.“ Unbeirrbar, radikal und kompromisslos im Anspruch, ohne Angst
und in vollem Vertrauen auf Gott und seine Güte.
Sie selbst formulieren es so: „Dass die
Menschen die Güte und vor allem die Menschenfreundlichkeit Gottes sehen,
hören, fühlen können. Aber diese Güte kann ich nur erfahrbar machen,
konkret werden lassen, wenn ich selber in dieser Güte lebe. Wenn ich Gott
zu meinem Zentrum mache und aus ihm lebe, wenn ich Jesus als meinen
Meister erkenne und mir von ihm den Weg zeigen lasse – dann kann ich den
Menschen, die Hunger haben, krank sind oder verfolgt werden, konkret
helfen. Und zwar so helfen, dass sie selber durch meine Hilfe etwas von
Gottes Güte erfahren. Dann können die Menschen hier spüren, dass sie
zwar im tiefsten Elend leben und dass die Gesellschaft sie für Abschaum
hält, dass Gottes Verheißung aber trotzdem auch für sie gilt: Auch sie
sind Kinder Gottes, auch für sie wünscht Gott sich nichts sehnlicher,
als dass sie glücklich sind und es ihnen gut geht.“ (S. 191). Das ist
keine Sozialarbeit. Das ist ein Weg zu Gott, der Menschen freimacht. Auch
die Armen.
V.
Die Fortschritte, die wir beim Erreichen
der Millenniumsziele gemacht haben, sind jetzt durch die Finanz- und
Wirtschaftskrise gefährdet. Bis zu 100 Millionen Menschen sind in extreme
Armut zurückgeworfen. Entwicklungsländer können auf internationalen
Finanzmärkten keine Kredite mehr erhalten. Die Auslandsüberweisungen von
im Ausland lebenden Familienangehörigen gehen zurück. Die ärmsten
Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika haben die Krise nicht
verursacht. Aber sie sind unmittelbar existenziell bedroht. Diese Länder
müssen in Zukunft besser an internationalen Prozessen, Gremien und
Entscheidungen beteiligt werden.
Laut letztem UNICEF-Bericht müssen mehr
als 150 Millionen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren arbeiten und
können deshalb nicht oder kaum zur Schule gehen. Mindestens eine Million
Kinder sitzen in Gefängnissen, mehr als die Hälfte von ihnen ohne
ordentliche Gerichtsverfahren. Mehr als 18 Millionen Kinder wachsen in
Flüchtlingsfamilien auf. Mehr als eine Milliarde Kinder leben in Armut.
Täglich sterben 25.000 Kinder.
Am 14. Oktober wurde der
Welternährungsbericht der Vereinten Nationen vorgestellt: Die Zahl der
Hungernden der Welt hat in diesem Jahr einen historischen Höchststand
erreicht. Und sie nimmt schneller zu als je zuvor. Über eine Milliarde
Menschen sind chronisch unterernährt. Millionen Menschen sind durch die
weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise unter die Armutsgrenze gerutscht.
Gerade jetzt dürfen wir in der Entwicklungshilfe nicht sparen. Wir
müssen alles tun, um die absolute Armut endlich zu beenden. Wir müssen
die Logik der Ökonomie dann heilsam unterbrechen, wenn sie auf Kosten von
Mensch und Schöpfung geht. Das widerspricht nicht der Marktwirtschaft,
sondern setzt ihr einen sinnvollen Rahmen.
Wie es um das Wohl der ganzen Welt steht,
das zeigt sich daran, wie die Schwächsten und die Armen leben.
Verantwortung für die Armen übernehmen bedeutet für Schwester Karoline:
Unrecht beenden. Es geht um die elementaren Rechte von Menschen: ihr Recht
auf medizinische Versorgung und Ernährung, ihr Recht auf Bildung, ihr
Recht auf freie Meinungsäußerung und auf die Beteiligung an politischen
und gesellschaftlichen Prozessen.
Menschenrechte sind nicht teilbar zwischen
den Armen und den Reichen dieser Welt. Und sie wirken konkret. Das ist der
Ansatz von Schwester Karoline. Gottes- und Nächstenliebe gehören
untrennbar zusammen. Die Menschen in den Armenvierteln haben ihren Platz
nicht am Rande der Kirche, sondern in ihrer Mitte.
Für Schwester Karoline gibt es keine „fremden
Menschen“. Sie ist maßlos in ihrer Menschenliebe. So wie sie es in
ihrer Gottesliebe ist. „Unsere Menschenliebe ist das Maß unserer
Gottesliebe. Für die Christen – und nicht nur für sie – gibt es
keine fremden Menschen. Die Liebe Christi kennt keine Grenzen.”
Liebe Schwester Karoline,
herzlichen Glückwunsch zum
Edith-Stein-Preis 2009. Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung Ihres
Wirkens seit Jahrzehnten.
Foto: Karl Grüner
Urkunde
Für die Urkunde
als PDF-Datei wird ein neues Fenster geöffnet (317kB). *)
weitere Fotos

Übergabe des Preisgeldes durch Heiner J. Willen
Foto: Karl Grüner

Überreichung der Medaille durch Frau Dr. Mary Heidhues
Foto: Karl Grüner
Dankworte
der Preisträgerin 
Schwester Karoline sprach frei. Ihr Redetext liegt uns deshalb nicht vor.
Sie dankte für die Ehrung, beschrieb ausführlich die von ihr erkannte
Aufgabe und zeigte, wofür sie das Preisgeld verwenden will.
Foto: Karl Grüner
Lesen Sie auch die Verleihungsurkunde
und den Pressebericht.
Einladung zu Begegnung und Gespräch
Mit Getränken als Erfrischung war dann viel Zeit für
Kontakte und Gespräche.
„Sr. Karoline Mayer 2009 “
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16.11.2009
"Das Leid unzähliger Menschen verwandelt"
Schwester Karoline Mayer erhält Göttinger
Edith-Stein-Preis
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Schwester Karoline Mayer wurde für ihren Einsatz für die
Ärmsten der Armen in Chile mit dem Göttinger Edith-Stein-Preis
geehrt.
Dechant Bernd Langer überreicht die
Urkunde.
Fotos: S. Behnke (© kpg) |
Göttingen (kpg) – „Es gibt
viele Preise in Göttingen, aber der Edith-Stein-Preis ist ein
besonderer: weil er sich an die wendet, die durch ihr Tun etwas verändern
und uns mahnen, wie viel jeder tun kann und es doch oft unterlässt“,
so der Bürgermeister der Stadt, Wilhelm Gerhardy, während seines
Grußwortes bei der Verleihung des Edith-Stein-Preises im Alten
Rathaus von Göttingen, den in diesem Jahr Schwester Karoline Mayer
unter minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen entgegennahm.
Denn die zierliche, immer strahlende 66-Jährige hat
in ihrem Leben eine Menge getan: Seit 40 Jahren setzt sich die
ehemalige Steyler Missionarin und Gründerin der
Schwesterngemeinschaft „Communidad de Jesus“ in Santiago de
Chile für die Ärmsten der Armen ein. Dort hat die in der Nähe von
Eichstätt in Bayern geborene Mayer ein Sozialwerk gegründet, zu
dem heute eine Obdachlosensiedlung für 200 Familien gehört, ein
Berufsbildungszentrum für 600 Jugendliche, ein Reha-Zentrum für
Drogenabhängige, Frauenbildungswerkstätten, Kindertagesstätten
und als Herzstück ein Gesundheitszentrum, in dem jährlich 20 000
Patienten kostenlos mit moderner Medizin behandelt werden. „Sie
haben das Leid unzähliger Menschen verwandelt, sie haben bewirkt,
dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich nicht mit
ihrer Armut abfinden müssen“, lobte Prof. Dr. Annette Schavan.
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung war aus Berlin
gekommen, um die Laudatio auf Schwester Karoline zu halten. So sei
ihr Wirken „in hohem Maße politisch“, weil es nicht nur eine
ungewöhnliche Kraft entfalte, sondern Veränderung in den Köpfen
und Herzen der Menschen bewirkt habe. „Das zeigt, dass Politik
nicht im Parlament beginnt“, so Schavan.
„Ihre Liebe zu Gott und den Menschen kennt keine
Grenzen“, bezog sich Schavan dann auf die Inschrift der Medaille
mit dem Satz Edith Steins „Unsere Menschenliebe ist das Maß
unserer Gottesliebe“, mit der Schwester Karoline geehrt wurde. Mit
Edith Stein habe die diesjährige Preisträgerin einiges gemein, da
waren sich die Rednerinnen und Redner des Abends einig. Am 12.
Oktober 1971, dem Geburtstag Edith Steins, zieht Karoline Mayer ins
Armenviertel von Santiago – „der glücklichste Tag meines
Lebens“, wie sie später sagt. Und wie Edith Stein sei auch
Schwester Karoline eine Frau mit einer vollkommenen inneren
Freiheit, die sie ungeachtet aller Widerstände ihren eigenen Weg
gehen ließ, so Dr. Katharina Seifert, die Präsidentin der
Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland. „So feiern wir heute Abend
zwei Frauen, die für Bildung, Menschenrechte und Grenzüberschreitungen
stehen“, so Heiner J. Willen, der Vorsitzende des
Edith-Stein-Kreises.
Die Geehrte selbst gab sich bescheiden: „Ich bin
keine Heldin“, sagte sie in ihrer Dankesrede. „Allein wäre ich
vielleicht frustriert. Allein wäre das Elend und das Böse nicht
durchzustehen.“ Ihr Antrieb sei es immer gewesen, den Menschen zu
zeigen, dass Gott sie liebe, „so dass man es auch im Bauch spürt“.
Denn Theologie sei nicht nur für den Kopf, sondern für den ganzen
Menschen. Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. „Ihre
strahlenden Augen“, so der Göttinger Dechant Bernd Langer schließlich
bei der Preisübergabe, „sind ein Hinweis darauf, wie Gott auf die
Menschen schaut.“
Der Edith-Stein-Preis
Der Edith-Stein-Preis erinnert an das Wirken der Heiligen Edith
Stein, die von 1913 bis 1915 in Göttingen lebte, vom Judentum zum
Katholizismus konvertierte und dennoch 1942 in Auschwitz durch die
Nationalsozialisten ermordet wurde. Seit 1995 ehrt der
Edith-Stein-Kreis mit seinem Preis Persönlichkeiten, Gruppierungen
und Institutionen, die sich durch Grenzüberschreitungen in ihrem
sozialen, politischen und gesellschaftlichen Engagement
ausgezeichnet haben. Die Auszeichnung besteht aus einer Medaille mit
der Inschrift „Unsere Menschenliebe ist das Maß unserer
Gottesliebe“ und einem Preisgeld von 5 000 Euro, das in Absprache
mit dem Geehrten einer Einrichtung gespendet werden soll.
Die Preisträgerin
Schwester Karoline Mayer wurde 1943 in der Nähe von Eichstätt
geboren. Kurz nach dem Abitur tritt sie dem Steyler Missionsorden
bei. Seit 1968 lebt sie in Santiago de Chile. Dort lässt sich die
Ordensfrau zur Krankenschwester ausbilden. Als der Orden sie im Zuge
der politischen Unruhen im Land zurück nach Deutschland beordert,
verlängert sie ihre Gelübde nicht. Sie gründet die
Schwesterngemeinschaft „Communidad de Jesus“, zieht 1971 mit
einer Mitschwester in die Armenviertel Santiagos und beginnt mit dem
Aufbau eines Sozialwerks für die notleidende Bevölkerung. Sie
leistet passiven Widerstand gegen die Militärdiktatur und wird 1976
verhaftet und verhört. Unterstützt wird die Arbeit von einem
breiten europäischen Freundesnetz. Für ihren Einsatz wurde
Schwester Karoline Mayer mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit
der Kardinal-Frings-Medaille der Erzdiözese Köln, dem
Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und dem
Bundesverdienstkreuz.
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Wir bedanken und ganz herzlich für die
Erlaubnis zur Übernahme von Fotos und Text,
bei Stefanie Behnke, Katholische Pressearbeit Dekanat Göttingen.
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29.10.2011
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